Der anpassungsfähigste Jäger der Erde
Sechste Spur — warum der Mensch fast alles überleben kann, aber nicht alles gleich gut verträgt.
Der Mensch ist ein erstaunliches Wesen.
Er kann in der Arktis leben.
In der Wüste.
Im Hochgebirge.
Am Meer.
Im Wald.
In der Steppe.
Er kann von Fisch leben.
Von Fleisch.
Von Knollen.
Von Früchten.
Von Milch.
Von Getreide.
Manchmal sogar von Dingen, bei denen man sich wundert, dass er überhaupt noch aufrecht geht.
Der Homo sapiens ist vielleicht nicht das stärkste Tier der Erde. Aber er ist eines der anpassungsfähigsten.
Genau das macht ihn so faszinierend.
Und gleichzeitig so leicht verführbar.
Denn weil der Mensch fast alles eine Zeit lang überleben kann, glaubt er irgendwann, dass fast alles auch gut für ihn sei.
Aber das ist ein gefährlicher Irrtum.
Überleben ist nicht dasselbe wie Gesundheit.
Wir können rauchen und alt werden.
Wir können Alkohol trinken und alt werden.
Wir können schlecht schlafen, uns kaum bewegen, den ganzen Tag essen und trotzdem achtzig Jahre erreichen.
Der Mensch hält viel aus.
Manchmal zu viel.
Denn genau diese Robustheit verschleiert die Rechnung.
Sie kommt nicht sofort.
Sie kommt oft erst Jahre später.
Manchmal Jahrzehnte später.
Und dann nennen wir es Alter.
Oder Pech.
Oder Veranlagung.
Vielleicht ist es manchmal aber auch nur die verspätete Antwort eines Körpers, der viel zu lange kompensiert hat.
Belastbarkeit ist ein Wunder. Aber sie ist kein Freibrief.
Ein Tier hat diese Freiheit meist nicht.
Ein Wolf kann nicht beschließen, von Frühstückscerealien zu leben.
Ein Reh kann nicht aus Langeweile Chips essen.
Eine Biene kann nicht dauerhaft gegen ihre eigene Natur fliegen.
Tiere leben viel stärker im Rahmen ihrer Instinkte.
Sie machen nicht alles richtig.
Aber ihre Umwelt begrenzt ihre Irrtümer.
Der Mensch dagegen besitzt etwas, das ihn einzigartig macht:
Er kann gegen seine Biologie handeln.
Er kann sich ernähren, wie kein Tier es freiwillig tun würde.
Er kann seinem Körper Signale senden, die in der Natur so kaum vorkamen.
Dauerenergie.
Dauerreize.
Dauersnacks.
Dauerlicht.
Dauerstress.
- Zu viel Nahrung.
- Zu wenig Bewegung.
- Zu wenig Schlaf.
- Zu viel künstliches Licht.
- Zu viele Reize.
- Zu wenig echte Ruhe.
Der Mensch kann das alles eine Weile tragen.
Und genau deshalb merkt er oft zu spät, dass etwas nicht stimmt.
Die Natur arbeitet selten mit sofortiger Strafe.
Sie arbeitet mit Konsequenzen.
Langsam.
Geduldig.
Unerbittlich.
Die Evolution schreit nicht. Sie sortiert.
Auch unsere Körper erzählen solche Geschichten.
Die Nase eines Menschen aus einer kalten Region erzählt eine andere Geschichte als die Nase eines Menschen aus heißer, feuchter Luft.
Die Hautfarbe erzählt eine Geschichte von Sonne und Breitenstand.
Die Laktasepersistenz erzählt eine Geschichte von Weidetieren und Milch.
Selbst unsere Blutgruppen erzählen eine Evolutionsgeschichte.
Vielleicht nicht so einfach, wie manche Ernährungsbücher es gerne darstellen.
Aber doch deutlich genug, um uns an etwas zu erinnern:
Der Mensch ist nicht losgelöst von seiner Herkunft.
In jedem Körper liegen alte Landschaften verborgen.
Manche Menschen vertragen Milch hervorragend.
Andere nicht.
Manche fühlen sich mit viel Stärke wohl.
Andere werden müde, hungrig oder unruhig.
Manche kommen mit Obst erstaunlich gut zurecht.
Andere brauchen mehr Eiweiß und Fett, um wirklich satt zu sein.
All das zeigt:
Es gibt nicht den einen Homo sapiens am Esstisch.
Es gibt individuelle Geschichten.
Gene.
Kultur.
Gewohnheit.
Darmflora.
Bewegung.
Alter.
Stress.
Schlaf.
Und nicht zuletzt:
die eigene Erfahrung.
- Was verträgt mein Körper?
- Was macht mich wirklich satt?
- Was gibt mir Energie?
- Was macht mich müde?
- Was bringt Heißhunger?
- Was lässt mich ruhig schlafen?
Ich selbst habe lange Zeit sehr unterschiedlich gegessen.
Sechzehn Jahre vegetarisch.
Mit Fisch und Meeresfrüchten.
Weil Hülsenfrüchte mir nicht bekamen.
Weil Soja für mich keine gute Lösung war.
Und weil mein Körper auf Fisch anders antwortete.
Ich habe auch lange Zeit fast nur Obst gegessen.
Nicht, weil ich heute jedem dazu raten würde.
Sondern weil auch das eine Spur war.
Eine Erfahrung.
Ein Abschnitt.
Ein Versuch, den eigenen Körper zu verstehen.
Eine ehrlich gelebte Erfahrung kann wertvoller sein als zehn ungeprüfte Meinungen.
Vielleicht ist das die größte Stärke des Menschen.
Er kann sich verändern.
Er kann lernen.
Er kann scheitern.
Er kann seine Richtung ändern.
Er kann sich irren und aus dem Irrtum eine Erkenntnis machen.
Aber genau dafür muss er ehrlich beobachten.
Nicht sich selbst etwas beweisen.
Nicht eine Diät verteidigen.
Nicht einem Lager treu bleiben.
Sondern seinem Körper zuhören.
Denn der Körper ist nicht dogmatisch.
Er ist praktisch.
Er fragt nicht:
Passt das zu meiner Ideologie?
Er fragt:
Kann ich daraus Leben machen?
Der Körper diskutiert nicht. Er antwortet.
Darum interessieren mich extreme Behauptungen immer weniger.
Alle Menschen sollten vegan leben.
Alle Menschen sollten carnivor leben.
Alle Menschen brauchen Getreide.
Niemand sollte Getreide essen.
Milch ist für alle gut.
Milch ist für alle schlecht.
Solche Sätze klingen stark.
Aber oft sind sie zu grob für ein Wesen wie den Menschen.
Der Homo sapiens ist kein einfaches Tier.
Er ist ein wanderndes Archiv.
In ihm liegen Eiszeiten, Hungerphasen, Jagd, Sammeln, Feuer, Ackerbau, Milch, Meer, Wald und Kultur übereinander.
Der Mensch ist keine Theorie. Er ist eine Geschichte auf zwei Beinen.
Vielleicht liegt die Wahrheit deshalb nicht in einer einzigen Ernährungsform.
Vielleicht liegt sie in der Fähigkeit, wieder zu beobachten.
Was passt zu meiner Herkunft?
Was passt zu meinem Alltag?
Was passt zu meinem Stoffwechsel?
Was passt zu meiner Bewegung?
Was passt zu meinem Alter?
Was passt zu meinem Körper jetzt?
Nicht vor zwanzig Jahren.
Nicht in einem Buch.
Nicht im Kopf eines Gurus.
Sondern heute.
Vielleicht ist der Mensch deshalb so erfolgreich, weil er fast alles überleben kann.
Vielleicht wird er aber erst gesund, wenn er herausfindet, was er nicht nur überlebt — sondern wirklich verträgt.
